]a[ farocki.akbild.ac.at/ archiv-workshops.htm

archive
filme
literatur
workshops
referate/lectures

seminar

forum

feature

links

 

impressum


Zusammenfassung des Workshop-Treffens von Montag, 9.06. 2008

Pasolinis La Rabbia (Die Wut/Der Zorn, 1963) ist der erste Teil eines zweiteiligen Films, der sich der Frage „Warum wird unser Leben von Unzufriedenheit, Furcht, Kriegsangst und Krieg beherrscht?“ widmet. .... „La Rabbia besteht vollständig aus Dokumentarmaterial, hauptsächlich Stücke aus Wochenschauen, das Material ist fürchterlich banal und reaktionär. Mein Kriterium war, die Gesellschaft meiner Zeit und was in ihr passierte, von einem marxistischen Standpunkt aus anzuklagen.“ (Pier Paolo Pasolini)
Auszug aus einem Programmtext der Deutschen Kinemathek Berlin 2005

wir kommen von der idee, pasolinis „la rabbia“ als anhaltspunkt zu nehmen.
einen film, der eine auftragsarbeit war. das zur verfügung stehende material war im fall von „la rabbia“ das archivmaterial einer italienischen wochenschau, deren ausstrahlung eingestellt wurde. wir hatten, wie angesprochen, überlegt, dass als format um über fernsehen zu sprechen, der ort des fernsehens selbst interessant wäre, und vorgeschlagen, eine sendung zu produzieren, die, dass schien das naheliegendste zu sein, bei okto produziert und gesendet werden könnte.
wir waren dann schnell in einer debatte über rechte, in welcher form darf man überhaupt fernsehmaterial wieder verwenden. eine diskussion, die unbedingt interessant ist, aber vielleicht nicht gleich am anfang stehen sollte. (rechercheauftrag)
erstmal gehen wir davon aus, alles zu verwenden, was wir verwenden wollen.
der vorschlag eine „sendung“ zu produzieren, zielte erstmal darauf ab, den ort des studios in die reflexion, re-montage und analyse von fernsehmaterial mit einzubeziehen. und sich vielleicht ein format zu schaffen, indem wir über die individuelle produktion von audio-visuellen essays hinaus, praktische formen der zusammenarbeit entwickeln können.
zum beispiel eben ein fernsehstudio als konkrete technische apparatur in der eine reflexion des fernsehens im fernsehen stattfinden könnte. (produktionsmittel, produktionsprozess)
alternativ gab es vorschläge das studio im mehrzwecksaal zu benutzen, und/ oder monitor-wände in mediamärkten als präsentationsort
aber erstmal zurück zum fernsehmaterial, nachrichtenmaterial und dem workshop-thema.

zum text von klaus kreimeier: das seiende im ganzen aber steuert der blitz (aus kluges fernsehen, herausgegeben von christian schulte und winfried siebers, suhrkamp 2002)
eine zusammenfassung des ersten kapitels über kompatibilität (was mir im zusammenhang mit unseren thema wichtig ist)
der text beginnt mit der beschreibung einer sendezentrale im fernsehen, der tätigkeit des versendens von bildern durch die techniker. hier entwirft der autor das bild einer störung, eines landesweiten stromausfalls.
dieses bild dient als verweis darauf, dass tatsächlich allerdings nicht damit zu rechnen ist, dass der strom der bilder, die uns umgeben jemals abreißen könnte:
die metapher der unterbrechung als verweis auf die resistenz des mediums fernsehen.
der totalität der maschine fernsehen ist nichts entgegenzustellen, individuelle verweigerung, kulturpessimistischer einspruch oder zensur bestätigen lediglich das bestehende, und tragen letzlich zu seiner optimierung bei.
kreimeier schlägt angesichts dieser perspektive auf die „ganze“ maschinerie ( „lahmlegung von sinnvermittlung durch non-stop-betrieb“) eine mikroskopische annäherung an die apparatur vor, plädiert für die genaue betrachtung des betriebssystems als summe seiner einzelteile und identifiziert anschlussfähigkeit, kompatibilität, das zusammenpassen aller komponenten in diesem netzwerk als schmiermittel für dessen ungehinderten ablauf.
also muss es darum gehen, in die große maschine kleine module zu implantieren, die zwar kooperationsfähig sind, sich aber auf der ebene der kompatibilität „spröde“ verhalten, und „im ernstfall einer politik der verweigerung den vorzug geben würden“.
diesen „ernstfall“ siedelt kreimeier unbedingt auf der ebene der sinne, bzw. der wahrnehmungssteuerung an.
er zitiert hier rudolf kersting, der sinngemäss die these vertritt, dass
die sinne, sowohl in ihren funktional-gehorsamen wie auch in dysfunktionalen bewegungen durch soziokulturelle montageformen geprägt sind.
besonders prägend für dieses „funktionieren“ ist die beziehung der individuellen empfindung (des einzelnen) zum abstrakten gesellschaftskörper, der weitgehend durch die kopplung von identität und (industrieller) arbeit definiert ist.
dieser sozialen präfiguration, also dem kompatibitätsmodell der industriellen montage, stellt kersting die filmische montage gegenüber, die über das potential verfügt, andere begriffe von gesellschaftlicher arbeit zu entwickeln.
die fernsehmagazine von alexander kluge wären demnach ebensolche parasitären formate, die innerhalb des totalitären „sinnstiftungs-kombinats“ des fernsehens, kleine bereiche versuchen zurückzuerobern.
also nicht eine anschlussfähigkeit reproduzieren, in der sich das jeweils folgende teilstück aus den vorangegangenen immer schon ableiten lässt, sondern demontage, rückbau, decodierung.
dann wäre filmische montage nicht zusammenbau von funktionellen – gehorsamen teilen einer (sinn-) maschine, sondern demontage, arbeit an der sinnlichen auflösung semantischer identitäten, fester positionierungen von blicken/ bildern, emotionen/movies in verständigungssystemen (codes)
soweit das erste kapitel des textes, im folgenden illustriert kreimeier anhand von beispielen aus den magazinen von alexander kluge diese thesen. in denen es um unerwartete anschlüsse, die interviewtechnik des nur als stimme anwesenden kluge und die „versäumten alternativen im historischen ablauf“ geht.

weitere literatur:
pierre bourdieu: über das fernsehen suhrkamp 1998
zwei texte von bourdieu von vorlesungen die er im fernsehen über das fernsehen gehalten hat.in denen beschreibt er die mechanismen des fernsehens als gefahr für die kulturelle produktion und für das demokratische leben selbst, und erklärt insbesondere die vorraussetzungen, unter denen er meinte überhaupt selbst im fernsehen auftreten zu können.
alexander kluge und oskar negt: öffentlichkeit und erfahrung suhrkamp1972, hieraus kapitel 3: das öffentlich rechtliche fernsehen – in konkrete technik umgesetzte bürgerliche öffentlichkeit (s.169 – 224) (gibt es ab mittwoch in einem ordner bei katharina koch zum kopieren)

marcel hat ausschnitte aus einer johannes b. kerner show gezeigt, in der es um den fall amstetten ging, in der sich das medium ad absurdum führt.
kerner selbst bezeichnet fernsehen (für die im keller eingeschlossenen) als folterinstrument, da ihnen das fernsehen als (einziges) fenster zur welt die eigene situation doch nur um so klarer machen müsste. (während natascha kampusch als fernsehmoderation ihre selbsttherapie durch das fernsehen verkündet) der kriminalpsychologe beschreibt relativ präzise den ort des fernsehstudios in dem sie sich befinden als virtuellen ort, von dem aus man eigentlich keine aussagen über irgendeinen anderen ort treffen könne, und der auf einem monitor zugeschaltete leiter der ermittlungen in st. pölten wird mit der frage konfrontiert, warum sich potentielle zeugen eher an die medien als an die polizei wenden, die allerdings von kerner selbst auch gleich beantwortet wird, weil es da geld gibt.
das monströse („unfassbare“ , „nicht irdische“ ) verbrechen des j. fritzl trifft auf das monströse des late-night-talks und verbindet sich auf kongeniale art.
jbk.zdf.de/ZDFde/inhalt/30/0,1872,7230718,00.html
dann unter videos „missbraucht und eingesperrt“




Zusammenfassung des Workshop-Treffens von Dienstag, 3.06. 2008

Als Beispiele und Anregungen haben wir uns verschiedene Arbeiten angesehen:
1. Televised I: the Anchor, the I, and the Studio 2006 Multichannel Video von Katya Sander DK
Televised I ist eine Arbeit, in der die Künstlerin NachrichtensprecherInnen zum Gebrauch des Wortes „ich“ innerhalb eines Nachrichtenstudios befragt hat. www.katyasander.net/works/telev.html (kurze Dokumentation der Arbeit)
Daraus entstand eine Diskussion über „Haltungen“ von NachrichtensprecherInnen gegenüber den von ihnen verkündeten Meldungen. (Körpersprache, Mimik, Sprachmelodie) sowie über dramaturgische Bögen in Nachrichtensendungen, wie „kommentiert“ eine Meldung die ihr vorangehenden?
2. Je Vous Salue, Sarajevo von Godard und Mieville F 1993 2min14
ein kurzer filmessay über das foto einer strassenszene in sarajevo, auf der mehrere serbische soldaten und am boden liegende zivilistInnen zu sehen sind.
Abschrift der deutschen Untertitel:
„In gewissem Sinne ist die Angst doch Tochter Gottes, in der Karfreitagsnacht erlöst.
Schön ist sie nicht, bald verspottet, bald verdammt, von allen verstoßen.
Doch täuscht euch nicht, sie wacht über jeden Todeskampf, leistet Fürbitte für den Menschen.
Denn es gibt Regel und Ausnahme.
Die Kultur gehört zur Regel und die Kunst zur Ausnahme.
All das gehört zur Regel:
Zigarette, Computer, T-Shirt, Fernsehen, Tourismus, Krieg.
Nichts gehört zur Ausnahme, die kann man nicht sagen.
Die wird geschrieben: Flaubert, Dostojewski.
Die wird komponiert: Gershwin, Mozart.
Die wird gemalt: Cézanne, Vermeer.
Die wird im Bild festgehalten: Antonioni, Vigo.
Oder sie wird gelebt:
Das nennt man, die Kunst zu Leben: Srebrenica, Mostar, Sarajewo.
Es gehört zur Regel, den Tod der Ausnahme zu wünschen.
Es gehört also zur Regel des kulturellen Europa, den Tod dieser Lebenskunst, die noch immer blüht, zu organisieren.
Wenn das Buch geschlossen werden muss, wird es ohne Reue geschehen.
Ich habe so viele Menschen schlecht leben gesehen, und so viele gut sterben.“

Soweit sind wir gestern gekommen, Montag sprechen wir noch kurz weiter über diesen Film. Dann weiter mit:
3. Dial History von Johan Grimonprez BE (1997) 68'
4. ARD-Tagesschau vor 30 Jahren
5. Novembertage von Marcel Ophüls GB/D (1989/90) 129'
Dieser Film über den Mauerfall, in dem Ophüls Fernsehmaterial über die Ereignisse von 89 verwendet, ist für den workshop interessant und zugleich eine Einführung in die Arbeitsweise von Marcel Ophüls, dessen Film Le Chagrin et la pitié von 1969 wir im nächsten Blockseminar gucken werden.



Neues Workshop-Thema: 


Der Plan ist: Fragmente aus Nachrichtensendungen, Reportagen und sonstigen Berichterstattungsformaten des Fernsehens frei nach der Methode, mit der Pasolini „La Rabbia“ montiert hat, zu bearbeiten. Hier geht es primär um Beschreibung, Kommentierung und Kontextualisierung mit den mitteln Text, Sprache und Ton.
 („La Rabbia“, 1963 ist als Auftragsarbeit entstanden, in der das Archivmaterial einer italienischen Wochenschau,  die eingestellt werden sollte, von Pasolini bearbeitet wurde. Er hat das Material neu montiert und mit einem eigenen Sprecher-Kommentar versehen, teilweise die Original-Texte beibehalten, aber neu einsprechen lassen, Töne asynchron angelegt, etc.)
Dieses Verfahren soll auf Ausschnitte aus aktuellen Fernsehberichten angewendet werden.
In einem erstenbn Schritt geht es zunächst darum, Material zu sammeln und gemeinsam zu sichten. Es gibt erstmal keine Vorgaben, welche Sendungen genommen werden sollten, eventuelle Einschränkungen oder eine Themenwahl können wir noch gemeinsam diskutieren.
Bitte, Material mitzubringen!